Gerhard Bronner

Komponist, Autor, Musiker und Kabarettist

* 1922   † 2007

 

Herkunft, Schule, Lehre

Gerhard Bronner wurde am 23. Oktober 1922 als dritter Sohn des Tapezierers Jakob Bronner und dessen Frau Rosa, Näherin, in Wien geboren. Gerhard Bronner bekannte sich stets zur jüdischen Kultur, führte aber kein religiös dominiertes Leben. Erst in der Mittelschule lernte er Hochdeutsch zu sprechen, bis dahin war er ausschließlich des Favoritner Dialekts mächtig gewesen. Er brach die Schule ab, um eine Lehre bei einem Schaufensterdekorateur zu beginnen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 verlor er seine Stelle als Lehrling. Später dachte er mit Schaudern an diese Zeit zurück und formulierte ein Gedankenspiel als bittere Pointe: "Wäre der Hitler nicht einmarschiert, wäre ich vielleicht Schaufensterdekorateur geworden."

Flucht zunächst nach Brünn, dann nach Palästina

Aufgrund seiner finanziell und existenziell aussichtslosen Lage verließ Gerhard Bronner im Alter von 15 Jahren im Mai 1938 Österreich. Über die grüne Grenze ging er in die Tschechoslowakei.

Gerhard Bronner überlebte als einziges Mitglied seiner Familie. Sein Bruder Oskar wurde schon 1938 in Dachau ermordet, seine Eltern 1943 nach Minsk deportiert. Gerhard Bronner überlebte, wie er es selbst zum Ausdruck brachte, durch einen “Gesetzesbruch”. Er floh nämlich ohne Pass nach Brünn, schlug sich dort als Straßensänger durch. Später setzte er seine Flucht die Donau abwärts bis Rumänien und im Laderaum eines Frachters mit 4500 anderen bis nach Palästina fort.

Vater von vier Kindern, Tätigkeiten in Palästina

Gerhard Bronner verdiente sich seinen Lebensunterhalt in Palästina als Straßensänger, Komponist und Barpianist. Er konnte schließlich als Leiter des Musikprogramms des Ablegers der BBC in Palästina arbeiten. Sein ältester Sohn Oscar kam am 14. Jänner 1943 in Haifa, Palästina, zur Welt.

Gerhard Bronner war drei Mal verheiratet und Vater von vier Kindern.

Nach dem Krieg trotz aller inneren Widerstände wieder in Wien, Bronner erfährt vom Schicksal seiner Eltern

Nach dem Abzug der Engländer im Jahre 1948 bekam er die Einladung, in der Zentrale in London weiter für den Sender zu arbeiten. Auf dem Weg nach London besuchte er auf Betreiben seiner Gattin Wien, wollte aber keineswegs lang bleiben. Er betrachtete Wien nicht mehr als seine Heimatstadt. Doch nach kurzer Zeit übernahm er mehrere Aufgaben, vom Barpianisten bis zum Musikredakteur im Rundfunk. Das führte dazu, dass er seine Weiterreise aufschob und letztlich absagte. Bald begann er beim Sender „Rot-Weiß-Rot“ zu arbeiten. Eine lebenslange Freundschaft mit Hans Weigel nahm seinen Anfang.

Vom Schicksal seiner Eltern erfuhr Gerhard Bronner nach seiner Ankunft in Wien über die Israelitische Kultusgemeinde. Der Briefkontakt zu ihnen war während seiner Zeit in Palästina abgerissen.

"Simpl", Marietta Bar, Programm "Brettl vor´m Kopf", Livefernsehen in Hamburg

Hans Weigel brachte Gerhard Bronner zum Simpl. Er wirkte in einem Kabarettprogramm mit, das Hans Weigel geschrieben hatte. Seine Erfahrung führte dazu, dass ihn Helmut Qualtinger während eines Saunagangs ansprach. Wenig später inszenierte Michael Kehlmann mit Carl Merz und Qualtinger die Schnitzler-Paraphrase Reigen 51. Gerhard Bronner zeichnete für die Musik verantwortlich.

In diese Zeit fällt auch, dass er die Marietta Bar pachtete. Größen wie Peter Alexander, Ernst Waldbrunn, Luise Martini und Ernst Stankovski traten dort auf. Gerhard Bronner erzielte beachtliche Erfolge. 1952 entstand das legendäre Programm “Brettl vor´m Kopf”. Dennoch ging Bronner mit Kehlmann für zwei Jahre nach Hamburg, um Livefernsehen zu machen. "Wir konnten experimentieren, und das war das Wichtigste. Denn die Zuschauer haben eine Sendung nie nach dem Inhalt beurteilt, sondern nur nach der Qualität des Empfangs."

Zurück in Wien, das "Intime Theater", "Blattl vor´m Mund", Neues Theater am Kärntnertor

Nach Wien zurück gekehrt pachtete er gemeinsam mit Kreisler das „Intime Theater“ in der Liliengasse. Dort brachte das „namenlose Ensemble“ (neben Gerhard Bronner, Merz, Qualtinger, Kehlmann, Kreisler, Wehle, Louise Martini u.a.) das Kabarettprogramm „Blattl vor'm Mund“ und weitere heraus. Als ihnen 1958 der Vertrag gekündigt wurde, spielten sie das nächste Programm „Spiegel vor'm Gsicht“ im Fernsehen (ORF). Übertragen wurde zu Anfang aus dem „Bürgertheater“, später aus dem „Stadttheater“ (Etablissement Ronacher).

1959 übernahm er das Neue Theater am Kärntnertor, wo die Programme "Dachl überm Kopf" und "Hackl vorm Kreuz" gezeigt wurden.

"Der Papa wird´s schon richten", das Aus für das kongeniale Team 1961

Es entstanden in dieser Zeit bis heute populäre Gassenhauer wie “Der Marlon Brando mit seiner Maschine “, “Der Bundesbahnblues”, “Weil mir so fad is’”, “Der Jedermann-Kollapso” die zwar aus Bronners Feder stammen, aber, was ihn schmerzte, immer wieder Helmut Qualtinger zugeschrieben werden.

Eine eigene Dimension hat “Der Papa wird´s schon richten”, der als Nepotismus-Song bezeichnet wird. 1958 veröffentlicht, trat Unterrichtsminister Felix Hurdes zurück, der einen Autounfall seines Sohnes vertuschen wollte.

In einem Interview aus dem Jahr 2002 bekannte Bronner, dass es ziemliche Spannungen in der Gruppe gegeben habe.

"Ich bin als Sozialdemokrat aufgewachsen. Der Merz war ein Kohlrabenschwarzer. Der Kreisler eigentlich ein Kommunist. Der Wehle war ein katholischer Monarchist. Und der Qualtinger ein Nihilist. Eine politische Nummer zu schreiben, war also nicht ganz einfach."

Das kongeniale Team zerfiel 1961. Helmut Qualtinger heimste als “Herr Karl” Ruhm ein. Daraus resultierte so etwas wie Rivalität, ja sogar Feindschaft.

“Das Zeitventil: Das aktuelle Fernsehbrettl”, Wegbereiter des Austropop

In den 1960´er Jahren erzielte Gerhard Bronner mit der österreichischen TV-Kabarettserie “Das Zeitventil: Das aktuelle Fernsehbrettl” enormen Erfolg. Mit ihm traten unter anderem Peter Wehle, Kurt Sobotka, Max Böhm, Ernst Stankovsky, Peter Orthofer, Gerhard Steffen, Eva Pilz, Peter Frick, Heinz Holecek, Edith Leyrer, Johann Sklenka und Dolores Schmidinger auf.

Gerhard Bronner arbeitete aber nicht nur mit bekannten Kabarettisten, sondern entdeckte auch junge Talente, für die er Lieder schrieb. 1970 verhalf er Marianne Mendt zum Durchbruch: Seine “Glock’n, die 24 Stunden läut" “ bereitete dem Austropop das Feld auf. Er wetterte gegen die Beatles und präsentierte auf Ö3 “Schlager für Fortgeschrittene”.

Duoprogramme mit Elfriede Ott, "Der Guglhupf"

Zwischen 1971 und 1976 übersetzte und bearbeitete er bekannte amerikanische Musicals wie "Cabaret", "Alexis Sorbas" und "Promises, Promises" und erstellte eine österreichische Fassung von "My Fair Lady”. Ab 1973 trat er mit Elfriede Ott in Duoprogrammen in Wien, München, Salzburg und ab 1979 im Kabarett "Die Fledermaus" wieder in Wien auf. Zudem übersetzte Bronner Satiren von Ephraim Kishon und bearbeitete alte Operettenlibretti, etwa "Walzertraum" und "Im weißen Rößl".

Im Oktober 1978 gründete Gerhard Bronner gemeinsam mit Peter Wehle, Kurt Sobotka, Lore Krainer und Peter Frick die Kabarettsendung “Der Guglhupf”, die bis zum 28. Juni 2009 vom österreichischen Hörfunksender Ö1 übertragen wurde. “Der Guglhupf” brachte die Doppelconférence ins Radio, und nahm hauptsächlich zu tagespolitischen Themen Stellung. In den ersten Jahren konferierten Gerhard Bronner und Peter Wehle, später Krainer und Prikopa.
Die Zusammenarbeit mit Peter Wehle dauerte bis zum Tod von Wehle im Jahr 1986.

Umzug nach Florida: Aufenthalt von 1988 bis 1993

1986 kritisierte Bronner den zum Bundespräsidenten gewählten Kurt Waldheim schärfstens. Hierauf wurde er mit antisemitischen Äußerungen bedacht. 1988 zog Bronner, der eine gegen ihn verhängte Steuerstrafe für nicht gerechtfertigt fand, nach Florida, wo er bis 1993 blieb.

Seine Übersiedlung begründete er folgendermaßen:

„Im Mai 1986 starb mein langjähriger Partner und Freund Peter Wehle. Vorher waren schon Friedrich Torberg, Robert Gilbert, Carl Merz und Helmut Qualtinger gestorben. Ich fühlte mich furchtbar allein. Im Juni 1986 wurde Kurt Waldheim österreichischer Bundespräsident. Von diesem Moment an wurde der offene Antisemitismus in Österreich wieder salonfähig. Ich hatte stets antisemitische Zuschriften bekommen – aber sie waren immer anonym. Nach der Wahl Waldheims waren sie es nicht mehr. (...) Da wusste ich, dass ich nicht mehr lang in diesem Land leben würde.“
„Ich übersiedelte also in mein Haus in Florida. Vorher aber meldete ich dies meinem zuständigen Referenten im Finanzministerium. (... ...) Ich hatte also bei einer eventuellen Rückkehr nach Wien mit einer Gefängnisstrafe zu rechnen. Also blieb ich in Florida (... ...).“

In Florida schrieb er ein Buch und Lieder für behinderte Kinder. Er komponierte auch eine Messe für eine Synagoge.

Rückkehr nach Österreich, Auftritte mit Elfriede Ott und Lore Krainer, ein Musical als letztes Werk

1993 nach Österreich zurück gekehrt trat er allein oder mit Elfriede Ott und Lore Krainer immer wieder in Unterhaltungs- und Kabarettprogrammen auf, in denen er vor allem die goldene Zeit des österreichischen Kabaretts der 1950er Jahre wieder aufleben ließ.

Das letzte Werk aus seiner Feder war ein Musical, das auf dem “Hotel Savoy” von Joseph Roth basierte.

Ehrungen

Österreichisches Ehrenzkreuz für Wissenschaft und Kunst, 1978 [3] [Anm. 1]
Johann-Nestroy-Ring der Stadt Wien, 1979
Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Wien, 2002
Deutscher Kleinkunstpreis, 2005
Benennung der Gerhard-Bronner-Straße beim in Bau befindlichen Wiener Hauptbahnhof, 2009

Bekannte Lieder

„Der g'schupfte Ferdl“, 1952 (auch: hochdeutsch „Der blasse Gustav“, 1953, und englisch „Dirty Ferdy“ – Georg Kreisler, 1958)
„Der Halbwilde“ (auch: „Der Wilde mit seiner Maschin' “), 1956
„Der Bundesbahnblues“, 1956
„Der Karajanuskopf“, 1956
„Weil mir so fad is' “, 1957
„Der Jedermann-Kollapso“, 1957
„Die alte Engelmacherin“, 1957
„Der Papa wird's schon richten“, 1958
„Der Cocktail-Bolero“, 1959
„Die Pizzi K. und die Kato Polka“ (auch: „Die Demelinerinnen“), 1959
„Das Holzhackerlied“, 1959
„Selbst ist das Mannequin“, 1960
„Die Unterentwickelten“, 1960
„Krügel vor'm G'sicht“, 1960
„Meinem Kind“, 1960

Kabarettprogramme

„Brettl vor'm Kopf“, mit Michael Kehlmann, Carl Merz, Helmut Qualtinger, Susi Nicoletti u.A., 1952, im „Kleinen Theater im Konzerthaus“
„Blattl vor'm Mund“, mit Carl Merz, Helmut Qualtinger, Kurt Jaggberg, Georg Kreisler, Peter Wehle, Louise Martini, Laszlo Gati und Norbert Kamill, 1956, im „Intimen Theater“
„Brettl vor'm Klavier“, mit Peter Wehle, Georg Kreisler und Herbert Prikopa, 1957, im „Intimen Theater“
„Glasl vor'm Aug“, mit Helmut Qualtinger, Peter Wehle, Carl Merz, Louise Martini, Georg Kreisler, Johann Sklenka, Karl Hackenberg und Rosemarie Thon, 1957, im „Intimen Theater“
„Spiegel vor'm Gsicht“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Louise Martini, Georg Kreisler und Karl Hackenberg, 1958/59 (Fernsehproduktion mit immer neuen, aktuellen Beiträgen, 10 Sendungen)
„Dachl über'm Kopf“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Georg Kreisler, Louise Martini, Johann Sklenka, Nikolaus Haenel u.A., 1959, im „Neuen Theater am Kärntnertor“
„Hackl vor'm Kreuz“, mit Peter Wehle, Helmut Qualtinger, Carl Merz, Louise Martini, Johann Sklenka, Kurt Sobotka, Eva Pilz, 1959, im „Neuen Theater am Kärntnertor“

Literatur

Gerhard Bronner: Spiegel vorm Gesicht. Erinnerungen. – München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2004.
Gerhard Bronner: Die goldene Zeit des Wiener Cabarets (incl. CD). – St. Andrä-Wördern/Österreich: Hannibal Verlag, 1995
Neuauflage (ohne Fotos und CD) als: Meine Jahre mit Qualtinger. – Wien: Amalthea Verlag, 2003
Gerhard Bronner: Tränen gelacht, Der jüdische Humor – Wien, München: F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH
Gerhard Bronner: Kein Blattl vor’m Mund. Ein ungeschriebenes Buch, Prolog: Lore Krainer, Epiloge: Fritz Muliar, Peter Orthofer, Erwin Steinhauer u.A. – Wien: Astor Verlag, 1992

Tod, letzte Ruhestätte

Gerhard Bronner starb am 19. Jänner 2007 in einem Wiener Krankenhaus an den Folgen eines Schlaganfalls. Er hat seine letzte Ruhe in der alten israelitischen Abteilung auf dem Wiener Zentralfriedhof gefunden. Sein ehrenhalber gewidmetes Grab befindet sich neben den Literaten Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg.

Nachlass

Bronners Erben haben seinen umfangreichen schriftlichen und bildlichen Nachlass im Jahre 2014 der Österreichischen Nationalbibliothek als Schenkung überlassen.

Die Schenkung umfasst elf große Kartons mit Texten aus Fernseh-, Radio- und Bühnen-Produktionen wie „Dampfradio“, „Guglhupf“ und „Das Zeitventil“. Zudem sind Gemeinschaftsarbeiten mit Elfriede Ott, Eva Pilz, Michael Kehlmann und vielen anderen dokumentiert. Ferner bietet der Nachlass Lebensdokumente, darunter Fotos und Unterlagen zu der umstrittenen Steueraffäre rund um seine Übersiedlung nach Florida Ende der 1980er-Jahre.

Sein ehrenhalber gewidmetes Grab in der Israelitischen Abteilung auf dem Zentralfriedhof

Weblinks

Wir erinnern uns

Sie sind eingeladen, Ihre persönliche Erinnerung an
Gerhard Bronner nieder zu schreiben.

Erinnerung schreiben

Einladung versenden

Porträt teilen